Auf den Schultern von Riesen

Auf den Schultern von Riesen

Unser Ausgangspunkt ist ein berühmter, dem mittelalterlichen Denker Bernhard von Chartres zugeschriebener Aphorismus: «Wir sind gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen». Jeder von uns hat seine Riesen, Meister aus der Vergangenheit und der Gegenwart, von denen wir uns inspirieren lassen, die uns inspirieren und auf deren Schultern sitzend wir weiter sehen können. Warum sollten wir nun den Eventi letterari Monte Verità diesen Titel geben? Weil unsere Beziehung zur Tradition, zu Meistern und Klassikern – in einer Welt, die scheinbar vorhat, ohne sie auszukommen und auf eine Innovation ohne jede Kultur, ohne Grundsätze und ohne Format zu setzen – ein Schlüsselproblem ist.

Es gibt keinen grossen Geist, dem nicht bewusst ist, dass er in der Schuld anderer steht, in der Schuld ideeller Mütter und Väter, denen gegenüber er Respekt und Dankbarkeit zeigt und die er bewundert. Indem wir unserer Beziehung zu den Riesen der Vergangenheit – SchriftstellerInnen, PhilosophInnen, WissenschaftlerInnen, MalerInnen, MusikerInnen – nachspüren, spüren wir uns selbst nach und befragen uns nach unserer Rolle in der Welt, unserem Schaffen, unserer Zukunft als BürgerInnen, Intellektuelle und KünstlerInnen. Solch eine vielschichtige Auseinandersetzung ermöglicht uns, in unserer bewegten Zeit neue Wege aufzutun.

Wir stellen unseren Gästen folgende Fragen: Welche Werke haben Ihre Schreibpraxis und Ihre Gedanken über das Schreiben beeinflusst? Mit welchen Meistern setzen Sie sich auseinander? Welchen Vorbildern möchten Sie ähnlich sein? Wer hat auf geistiger und praktischer Ebene auf Sie den grössten Einfluss gehabt? Wen würden Sie den heranwachsenden Generationen ans Herz legen?

Der Dichter Fabio Pusterla und der Philologe und Experte für mittelalterliche Literatur Corrado Bologna gehen in ihrem Gespräch der Frage nach, wie sich unser Verhältnis zu den Schätzen der Kultur und Literatur verändert hat. Einer der grössten Schriftsteller unserer Zeit, David Grossman, berichtet von zwei seiner Vorbilder und von der Faszination, die sie auf ihn ausüben: Primo Levi und Bruno Schulz. Adolf Muschg zeigt auf, welche Lehren er aus der antiken Komik des Aristophanes zieht. Die Schauspielerin und seit kurzem auch Autorin von Erzählungen Laura Morante macht uns mit dem Flanieren des geliebten Robert Walser und dem rigorosen Surrealismus von Julio Cortázar vertraut. Peter Schneider lässt das Publikum an seiner Liebe zu Vivaldi teilhaben. Mario Martone rückt seine Filme über jugendliche Rebellen in unser Blickfeld, indem er den Spuren Giacomo Leopardis und des Utopisten und Malers Karl Wilhelm Diefenbach folgt, der auch die Lebensphilosophie auf dem Monte Verità inspirierte. Mit ihrer vielseitigen Persönlichkeit als Autorin, Musikerin und Performerin taucht Melinda Nadj Abonji in die erzählerische Welt der neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame ein. Der bekannte Krimi-Autor Marco Malvaldi stellt uns Leonardo da Vinci als einen Detektiv seiner Zeit und einen Meister der minutiösen Suche nach der Wahrheit vor. Adeline Dieudonné hingegen, die jüngste Offenbarung der französischsprachigen Literatur, verpflichtet Vorbilder wie Stephen King und Margaret Atwood und stützt sich auf die Forschungen von Marie Curie. Das Festival schliesst mit Alessandro Baricco, der unter die «Propheten», denen es zuzuhören gilt, den Philosophen und Erzähl-Theoretiker Walter Benjamin, aber auch den Apple-Gründer Steve Jobs einreiht.

Das Festival arbeitet dieses Jahr zum ersten Mal mit der Universität der italienischen Schweiz USI (Lugano) zusammen und bietet Veranstaltungen für Schulen an, u. a. auch einen künstlerisch-schriftstellerischen Workshop unter der Leitung von Roberto Piumini.

Paolo Di Stefano, Künstlerische Leitung

Joachim Sartorius und Karin Graf, Beratung Künstlerische Leitung