IT FR DE

Ein Magnetpol für Inspiration

Ein Magnetpol für Inspiration

Während die Strasse immer höher von den Ufern des Lago Maggiore auf den Gipfel des Felsens, der sich über Ascona erhebt, hinaufsteigt, weitet sich Schritt für Schritt der Blick auf die Landschaft und offenbart die Schönheit des breiten Wasserspiegels zwischen den steilen Berghängen, Kastanienwäldern und Villen vom Anfang des 20. Jahrhunderts. In jener Epoche machten die ersten Touristen hier Halt, verzaubert von diesem so nahen und doch so andersartigen Süden. Ein Ort mit mildem Klima, über dem die Sonne strahlte und in dem eine friedliche und tolerante Bevölkerung wohnte, die damals hauptsächlich von Feldarbeit, Fischfang und Viehzucht lebte.

Zu diesen ersten Besuchern zählte auch eine Gruppe von Menschen, die vom Wunsch nach neuen Lebensstilen inspiriert war. Mit ihrer Idee der „Lebensreform“ näherten sich die Gründer der Kolonie des Monte Verità zu Fuss dem Berg und riefen eine Utopie ins Leben, die zwanzig Jahre lang andauern sollte. Zu ihnen zählten Anarchisten, Philosophen, Künstler, Schriftsteller und Tänzer, die das gemeinsame Verlangen nach Authentizität und Gedankenfreiheit verband.

Im Jahre 1926 erwarb Baron Eduard von der Heydt – ein reicher Bankier und Kunstsammler aus Deutschland – den Berg und liess darauf vom Architekten Emil Fahrenkamp im Bauhaus-Stil das Hotel Monte Verità erbauen. Nach der unlängst erfolgten Renovierung, wurde dieses Gebäude vom internationalen Komitee ICOMOS als historisches Hotel des Jahres 2013 ausgezeichnet.

Ein Aufenthalt auf dem Monte Verità stellt in der Tat eine einzigartige Erfahrung dar. Die in den Sälen ausgestellten Gemälde der von-der-Heydt-Sammlung schaffen eine zeitlose Atmosphäre. Asiatische Kunstwerke gehören zur Ausstattung der im Bauhaus-Stil möblierten Zimmer.

Als der Baron starb, hinterliess er das Hotel und den grossen Park dem Kanton Tessin, der daraus 1989 – in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich – eine moderne Tagungsstruktur machte. So entstand das Kultur- und Kongresszentrum Monte Verità.

Die Vegetarier vom Anfang des letzten Jahrhunderts gibt es nicht mehr, aber das Erbe, das sie hinterlassen haben, gewinnt auch weiterhin an Bedeutung. Wissenschaftler aus aller Welt kommen hier seit über 25 Jahren zusammen, tauschen Ideen aus, entwickeln neue Theorien. Die Spaziergänge durch den mehr als sieben Hektar grossen historischen Park – zwischen den Lauben der ehemaligen Kolonie und den Duschen und Wannen der freie Körperkultur praktizierenden Bergbewohnern des letzten Jahrhunderts – spenden Künstlern, Schriftstellern, Philosophen und Denkern eine aussergewöhnliche schöpferische Kraft.

Der Monte Verità ist also mehr als nur ein Zentrum für Tagungen und Kultur: Seit über einem Jahrhundert stellt er einen Magnetpol für das Zusammenkommen und den Austausch von Ideen dar und ist damit, heute wie einst, eine Quelle von Inspiration.

Lorenzo Sonognini
Direktor Stiftung Monte Verità