EVENTI LETTERARI MONTE VERITÀ seit 2013 in Ascona, Schweiz

EVENTI LETTERARI MONTE VERITÀ seit 2013 in Ascona, Schweiz

Seit mehr als einem Jahrhundert ist der kleine Hügel über dem Ort Ascona mit dem Namen Monte Verità ein Anziehungspunkt für Begegnungen und den Austausch von Ideen. Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sich dort eine utopische Gemeinschaft von AnarchistInnen, PhilosophInnen, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen, NudistInnen und VegetarierInnen versammelt, um hier nach Authentizität und nach Freiheit im Denken zu suchen. Zwanzig Jahre lang hatten sie das berühmte Hotel bewohnt, das der reiche deutsche Bankier und bedeutende Kunstsammler Baron Eduard von der Heydt dort im Bauhausstil hatte errichten lassen. Heute ist das von einem weitläufigen Park umgebene Gebäude Eigentum des Kantons Tessin. Es beherbergt WissenschaftlerInnen aus aller Welt in einer zauberhaften Umgebung voll schöpferischer Kraft.
Der berühmte Schweizer Kurator Harald Szeemann hat in einer bahnbrechenden Ausstellung Monte Verità – Die Brüste der Wahrheit die utopische Geschichte dieses magnetischen Ortes aufgezeichnet.

Aus dieser unvergleichlichen Inspirationsquelle ist 2013 das Literaturfestival Eventi letterari Monte Verità entstanden, das ganz bewusst die Atmosphäre der lebendigen kulturellen Debatte jener Jahre wiederbeleben will. SchriftstellerInnen, PhilosophInnen, KünstlerInnen und DenkerInnen unserer Zeit sind dazu aufgerufen, die Erinnerung an das Zwanzigste Jahrhundert und seine Wurzeln den Konzepten und Erfahrungen der Gegenwart gegenüberzustellen. Bisher teilgenommen haben u.a. Svetlana Aleksievič, Alessandro Baricco, Tahar Ben Jelloun, Erri De Luca, David Grossman, Durs Grünbein, Hanif Kureishi, Claudio Magris, Alberto Manguel, Melania Mazzucco, Ian McEwan, Herta Müller, Adolf Muschg, Orhan Pamuk, Christoph Ransmayr, und Ingo Schulze.

Nach sechs anfänglichen Ausgaben unter der Regie von Joachim Sartorius mit dem Schwerpunktthema «Utopie» ist die künstlerische Leitung des Festivals 2019 an Paolo Di Stefano übergegangen. Mit dem Titel der siebten Ausgabe „Auf den Schultern von Riesen hat er die Erinnerung zum Thema gemacht und dazu bedeutende zeitgenössische Intellektuelle mit den „Riesen der Vergangenheit“ ins Gespräch gebracht, mit den ideellen Vorbildern also, die sie in ihrem Schaffen inspiriert haben. Die achte Ausgabe war aufgrund der Pandemie auf den Herbst verschoben worden und trug anlässlich des 150. Todesjahres von Charles Dickens und zu Ehren dessen Meisterwerks den Titel „Grosse Erwartungen“. Damit bot uns das letztjährige Festival Gelegenheit, über die gewaltigen sozialen und kulturellen Umbrüche unserer Zeit nachzudenken und unsere Fähigkeit, sich mit der Zukunft zu messen, auf den Prüfstand zu stellen.

Die Ausgabe 2021 steht anlässlich seines 700. Todesjahres ganz im Zeichen von Dante Alighieri. Die Journalistin, Autorin und Literaturkritikerin Maike Albath wird dabei als künstlerische Beraterin für den deutschsprachigen Raum an der Seite von Paolo Di Stefano tätig sein. Der Titel des diesjährigen Literaturfestivals, das sich Fragen über die uns erwartende Zukunft stellen möchte, spielt auf Dantes Neue Leben an, ist aber dem Ausdruck «das andere Leben» entlehnt, der sich mehrmals in Dantes Epos findet. Denn wir alle befinden uns auf der Mitte eines Weges, der eine Umkehr mit sich bringt und der uns nach dem Trauma der Pandemie und der wirtschaftlichen, sozialen, aber auch psychologischen und kulturellen Krise in ein „neues Leben“ führen wird. Wie wird diese Umkehr aussehen? Worauf müssen wir setzen? Was ist das Neue, in das wir investieren müssen, um „erneut zu sehen die Sterne“? Welche Visionen der zukünftigen Welt halten SchriftstellerInnen, DichterInnen und PhilosophInnen bereit?

Unsere Gäste werden uns ihre ganz individuellen Perspektiven aufzeigen, um aus dem „finsteren Wald“ der Pandemie herauszufinden. Das breite Angebot an Begegnungen soll dabei neue Horizonte für die Lektüre eröffnen und uns zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.

Das Festival findet normalerweise in der Woche vor Ostern statt, und zwar an den vier Tagen von Donnerstag bis Sonntag. Aufgrund des Coronavirus wurde es 2020 und 2021 in den Herbst verlegt. Abgesehen vom Eröffnungsevent im PalaCinema in Locarno werden alle Veranstaltungen im Raum Balint auf dem Monte Verità in Ascona durchgeführt.

Ausgehend vom literarischen Werk des jeweiligen Gastes gestalten sich die etwa einstündigen Veranstaltungen in Form eines Dialogs mit einem Journalisten in der Sprache des Schriftstellers und mit Simultanverdolmetschung in die anderen Festivalsprachen. Im Rahmen des Gesprächs wird der Autor zudem kurze Textausschnitte aus seinen jüngsten Werken lesen.

Seit 2019 sieht das Festival ausserdem eine Reihe von Begegnungen an Schulen (Grund-, Mittel- und Oberschulen sowie der Universität) vor, um den direkten Austausch zwischen den Gästen und den jungen Generationen anzuregen und Literatur als gelebte Erfahrung zu vermitteln. Für Jugendliche wird ausserdem ein von Roberto Piumini angeleiteter Lektüre-, Schreib- und Theater-Workshop angeboten, der seinen Abschluss in einer öffentlichen Aufführung findet.

Seit der ersten Ausgabe gehört zusätzlich das Cenacolo del Monte Verità zum Festival, ein in seiner Ausrichtung einzigartiger Workshop für junge SchriftstellerInnen aus den verschiedenen Sprachregionen der Schweiz, der jeweils von einem namhaften Schriftsteller koordiniert wird. In einer Epoche, in der dem Denken und der Kontemplation immer weniger Zeit eingeräumt wird, soll mit dem Cenacolo das dem Monte Verità eigene Klima der Begegnung und des gegenseitigen Zuhörens von Künstlern wieder aufleben. In den Vorjahren wurde der Workshop von Vanni Bianconi, Anna Ruchat, Paolo Di Stefano, Michela Murgia, Alessandro Leogrande, Prisca Agustoni und Fabio Pusterla geleitet. Seit 2019 besteht eine Kooperation mit der Universität der italienischen Schweiz USI.

Im Rahmen des Festivals wird schliesslich jedes Jahr der Preis in Erinnerung an Enrico Filippini (Locarno 1932 – Rom 1988) vergeben. Der jugendliche Meister war Übersetzer von Husserl, später von Benjamin, Grass, Frisch und Dürrenmatt sowie Editor der Verlage Feltrinelli, Saggiatore und Bompiani. Der Premio Filippini geht auf eine Idee von Irene Bignardi und Paolo Mauri zurück und soll Personen und Initiativen auszeichnen, die in der Welt der Bücher voller Mut, Kreativität und Erfindungsreichtum tätig sind. Er wurde in den Vorjahren an Renata Colorni, Bernard Comment, Teresa Cremisi, Jorge Herralde, Romano Montroni, Elisabetta Sgarbi für das Verlagshaus La nave di Teseo, Klaus Wagenbach und 2020 an Pietro Biancardi und Emilia Lodigiani für das Verlagshaus Iperborea vergeben.

Das Festival wird von dem Verein Associazione Eventi letterari Monte Verità getragen und jedes Jahr von diversen Einrichtungen gefördert: dem Departement für Bildung, Kultur und Sport des Kantons Tessin, der Gemeinde Ascona und der Tourismusorganisation Lago Maggiore e Valli. Die Durchführung ist möglich dank bedeutender Partner aus der Privatwirtschaft wie die Mobiliar, Raiffeisen und Hertz und der Hilfe wichtiger Schweizer Kulturstiftungen, u.a. Ernst Göhner Stiftung, Fondation Jan Michalski, Percento culturale, Pro Helvetia, ProLitteris und Pende Foundation.