EVENTI LETTERARI MONTE VERITÀ seit 2013 in Ascona, Schweiz

10. Ausgabe, 7.-10. April 2022
EVENTI LETTERARI MONTE VERITÀ seit 2013 in Ascona, Schweiz

 

Seit mehr als einem Jahrhundert ist der kleine Hügel über dem Ort Ascona mit dem Namen Monte Verità ein Anziehungspunkt für Begegnungen und den Austausch von Ideen. Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sich dort eine utopische Gemeinschaft von AnarchistInnen, PhilosophInnen, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen, NudistInnen und VegetarierInnen versammelt, um hier nach Authentizität und nach Freiheit im Denken zu suchen. Zwanzig Jahre lang hatten sie das berühmte Hotel bewohnt, das der reiche deutsche Bankier und bedeutende Kunstsammler Baron Eduard von der Heydt dort im Bauhausstil hatte errichten lassen. Heute ist das von einem weitläufigen Park umgebene Gebäude Eigentum des Kantons Tessin. Es beherbergt WissenschaftlerInnen aus aller Welt in einer zauberhaften Umgebung voll schöpferischer Kraft.

Der berühmte Schweizer Kurator Harald Szeemann hat in einer bahnbrechenden Ausstellung Monte Verità – Die Brüste der Wahrheit die utopische Geschichte dieses magnetischen Ortes aufgezeichnet.

Aus dieser unvergleichlichen Inspirationsquelle ist 2013 das Literaturfestival Eventi letterari Monte Verità entstanden, das ganz bewusst die Atmosphäre der lebendigen kulturellen Debatte jener Jahre wiederbeleben will. SchriftstellerInnen, PhilosophInnen, KünstlerInnen und DenkerInnen unserer Zeit sind dazu aufgerufen, die Erinnerung an das Zwanzigste Jahrhundert und seine Wurzeln den Konzepten und Erfahrungen der Gegenwart gegenüberzustellen. Bisher teilgenommen haben u.a. Svetlana Aleksievič, Alessandro Baricco, Tahar Ben Jelloun, Rachel Cusk, Erri De Luca, David Grossman, Durs Grünbein, Judith Hermann, Hanif Kureishi, Claudio Magris, Alberto Manguel, Melania Mazzucco, Ian McEwan, Herta Müller, Adolf Muschg, Orhan Pamuk, Christoph Ransmayr, Ingo Schulze und Manuel Vilas.

Nach sechs anfänglichen Ausgaben unter der Regie von Joachim Sartorius mit dem Schwerpunktthema «Utopie» ist die künstlerische Leitung des Festivals 2019 an Paolo Di Stefano übergegangen.

Die zehnte Ausgabe der Eventi letterari Monte Verità trägt den Titel Unsere Odysseen und findet vom 7. bis 10. April 2022 statt.

1922 veröffentlichte James Joyce seinen Roman «Ulysses», der die narrative Vorstellungswelt auf den Kopf stellen sollte. Der Autor erzählt vom alltäglichen Schiffbruch des Protagonisten in einer Metropole und versucht, das Chaos und die Sinnlosigkeit der modernen Zivilisation zu schildern. Der Joycesche Ulysses, wie Odysseus ein Held voller Widersprüche, Schwächen und mit tausend Gesichtern, ist zum Archetyp des zeitgenössischen Menschen geworden; Seine Vielschichtigkeit ist inspirierend und abstossend, doch birgt sie einen solchen Reichtum an menschlichen Beweggründen, an Bildern und Impressionen, dass sie die Lesenden überwältigt. Grundlage all dessen ist natürlich der homerische Mythos, den Dante in einem berühmten Höllengesang aufgreift und die Möglichkeiten einer Figur auslotet, die wie keine andere die Ruhelosigkeit, die Neugier auf das Unbekannte, das ewige Bedürfnis nach Erkenntnis und Reisen und die Sehnsucht nach Rückkehr verkörpert. So gesehen erzählen im Grunde jede Autorin und jeder Autor seine/ihre eigene kleine oder grosse Odyssee. Unsere Gäste werden uns sagen, wie und warum.  

Das Festival findet normalerweise in der Woche vor Ostern statt, und zwar an den vier Tagen von Donnerstag bis Sonntag. Aufgrund des Coronavirus wurde es 2020 und 2021 in den Herbst verlegt. Abgesehen vom Eröffnungsevent im PalaCinema in Locarno werden alle Veranstaltungen im Raum Balint auf dem Monte Verità in Ascona durchgeführt.

Ausgehend vom literarischen Werk des jeweiligen Gastes gestalten sich die etwa einstündigen Veranstaltungen in Form eines Dialogs mit einem Journalisten in der Sprache des Schriftstellers und mit Simultanverdolmetschung in die anderen Festivalsprachen. Im Rahmen des Gesprächs wird der Autor zudem kurze Textausschnitte aus seinen jüngsten Werken lesen.

Seit der ersten Ausgabe gehört zusätzlich das Cenacolo del Monte Verità zum Festival, ein in seiner Ausrichtung einzigartiger Workshop für junge SchriftstellerInnen aus den verschiedenen Sprachregionen der Schweiz, der jeweils von einem namhaften Schriftsteller koordiniert wird. In einer Epoche, in der dem Denken und der Kontemplation immer weniger Zeit eingeräumt wird, soll mit dem Cenacolo das dem Monte Verità eigene Klima der Begegnung und des gegenseitigen Zuhörens von Künstlern wieder aufleben. In den Vorjahren wurde der Workshop von Vanni Bianconi, Anna Ruchat, Paolo Di Stefano, Michela Murgia, Alessandro Leogrande, Prisca Agustoni und Fabio Pusterla geleitet. Seit 2019 besteht eine Kooperation mit der Universität der italienischen Schweiz USI.

Im Rahmen des Festivals wird schliesslich jedes Jahr der Preis in Erinnerung an Enrico Filippini (Locarno 1932 – Rom 1988) vergeben. Der jugendliche Meister war Übersetzer von Husserl, später von Benjamin, Grass, Frisch und Dürrenmatt sowie Editor der Verlage Feltrinelli, Saggiatore und Bompiani. Der Premio Filippini geht auf eine Idee von Irene Bignardi und Paolo Mauri zurück und soll Personen und Initiativen auszeichnen, die in der Welt der Bücher voller Mut, Kreativität und Erfindungsreichtum tätig sind. Er wurde in den Vorjahren an Bernard Comment, Klaus Wagenbach, Renata Colorni, Teresa Cremisi, Romano Montroni, Jorge Herralde, Elisabetta Sgarbi für das Verlagshaus La nave di Teseo, Pietro Biancardi und an Emilia Lodigiani für das Verlagshaus Iperborea, und an Jean Richard für das Verlagshaus Éditions d’en bas vergeben.

Das Festival wird von dem Verein Associazione Eventi letterari Monte Verità getragen und jedes Jahr von diversen Einrichtungen gefördert: dem Departement für Bildung, Kultur und Sport des Kantons Tessin, der Gemeinde Ascona und der Tourismusorganisation Lago Maggiore e Valli. Die Durchführung ist möglich dank bedeutender Partner aus der Privatwirtschaft wie die Mobiliar, Raiffeisen und Hertz und der Hilfe wichtiger Schweizer Kulturstiftungen, u.a. Ernst Göhner Stiftung, Fondation Jan Michalski, Percento culturale, Pro Helvetia, ProLitteris und Pende Foundation.