© Eventi letterari Monte Verità

Marina Galli

Eine gemeinsame Begeisterung für Sprache
Marina Galli

 

Aus allen Ecken des In- und Auslands reisen wir an, um uns am Monte Verità gleich wieder auf neue Odysseen zu begeben. Das Übersetzen ist ja bekanntlich eine etwas einsame Tätigkeit, und so freue ich mich auf die Möglichkeit, mich mit den anderen Teilnehmenden austauschen zu können: Ich bin neugierig zu erfahren, wie, warum und worüber andere schreiben, erhoffe mir also von den Schriftsteller:innen sozusagen einen kleinen «Blick hinter die Kulissen», hinter den fertigen, gedruckten Text, mit dem ich mich normalerweise beschäftige.
Wir bringen unterschiedliche Texte mit: Neben meiner Übersetzung sind da ein Gedicht, ein Kinderbuch, Romanauszüge, ein Drehbuch und Texte, bei denen sich erst noch herausstellen muss, was sie sind. Im Gespräch mit den Teilnehmenden, Gästen und dem Mentor Matteo Terzaghi wird klar: Die Gründe, die jede:n Einzelne:n zum Schreiben bewegen, sind bei jedem und jeder anders, und auch die Vorgehensweise beim Verfassen der Texte unterscheidet sich bei allen. Manche haben schon von Kind an geschrieben, andere sind erst über das Übersetzen dazu gekommen. Manche schreiben von Hand, mit Stift und Papier, andere ziehen es vor, Audioaufnahmen zu machen, wieder andere verwerfen ihren ganzen Text, wenn er ihnen beim ersten Wurf nicht gelungen ist, und nochmals andere gehen ganz strukturiert und nach Plan vor. Ich frage mich: Was vereint uns, Übersetzer:innen und Schriftsteller:innen, Dichter:innen und Drehbuchautor:innen, trotz der unterschiedlichen Herangehensweisen, Hintergründe und nicht zuletzt auch Sprachen? Das Geschichtenerzählen, ja, vielleicht wäre die Arbeit mit der – und Begeisterung für die – Sprache aber noch treffender. Eine Sprache, deren Unzulänglichkeit – auch das scheinen wir zu teilen – uns, die wir in einem schweizerischen Kontext schreiben oder zumindest aufgewachsen sind, immer wieder bewusst wird: Egal, ob italienisch-, französisch- oder deutschsprachig, die Eigenheiten und „Grenzen“ unserer helvetischen Sprache kommen sowohl in den Diskussionen als auch in privaten Gesprächen immer wieder auf. Im Gespräch mit Matteo Terzaghi und der Übersetzerin Maurizia Balmelli wird klar, dass die Arbeit mit der Sprache von einer doppelten, vordergründig in entgegengesetzte Richtungen verlaufende Bewegung gekennzeichnet ist: Einerseits geht es darum, der eigenen Sprache treu zu bleiben und nicht in Selbstzensur zu verfallen, um die eigene Stimme (oder Stimmen) zu finden. Andererseits, und darauf legt die Übersetzerin Maurizia Balmelli grossen Wert, ist es unerlässlich, den eigenen Sprachhorizont konstant zu erweitern und weiterzuentwickeln: So ist es nicht nur notwendig, komplett in ein sprachliches und kulturelles Umfeld einzutauchen, sondern auch, der Sprache täglich mit Offenheit und Feingefühl zu begegnen. Ist es nicht eigentlich die Natur der Sprache selbst, die sich mit der Zeit und auch mit uns verändert, und dadurch diese konstante Arbeit voraussetzt? Und ist nicht gerade dieses Unerschöpfliche das, was den Reiz der Arbeit mit der Sprache ausmacht? Auf jeden Fall tritt man nach vier Tagen des intensiven Eintauchens und Austausches voller neuer Eindrücke, Bücher und Bekanntschaften im Gepäck die Rückreise an. Und eines steht fest: Die Arbeit und die Odysseen werden uns so schnell bestimmt nicht ausgehen.

Biographie

 

Marina Galli (Basel, 1993) wuchs dreisprachig auf und interessierte sich schon früh für literarische Übersetzungen. Sie studierte am Centre de traduction littéraire in Lausanne. Unter anderem übersetzte sie den Roman Milchstrasse von Alexandre Hmine ins Deutsche (Rotpunktverlag, 2021).